Einkauf mit Folgen

 
Schmökerecke C.H.

Einkauf mit Folgen (Vorspann):
Jeep ge­gen Motoconcho: Wer wird obsiegen? Die Omnipräsenz die­ses Vehikels ist nicht zu über­sehen! Setzen Sie sich nur ei­ne Stun­de an ei­ne viel be­fahrene Straße und Sie wis­sen Be­scheid!


Funk­tionie­ren wenigstens die Leuch­ten und Blinker? Mit­un­ter. Gibt es Rück­spiegel? Mit­nich­ten. Hof­fen wir mal, dass wenigstens die Bremsen funk­tionieren! Jedoch was nützt die­ses Wis­sen?
Es bleibt ei­nem kei­ne Wahl. Man muss sich auf das auf do­mi­ni­ka­ni­schen Stra­ßen praktizier­te Spiel der Kräfte al­ler Ver­kehrs­teil­neh­mer einlas­sen! Um es einmal milde aus­zudrücken: Au­to­fah­ren in der Dom­Rep ist ein Ab­enteuer. Ohne äußerste Konzentra­tion ge­ht nichts! Die Liechtenstei­ner An­na und Ur­s, vor 25 Jah­ren aus­ge­wandert, le­ben zufrie­den zwi­schen Ca­ba­re­te und Sosúa. Ab­er all ihre Er­fahrun­gen und Kenntnis­se nützen ih­nen nichts an die­sem Tag…

Einkauf mit Folgen (Auszug)
…, nun, da sie ihren kleinen weißen Jeep an diesem späten Nachmittag gerade aus dem Parkplatz vor Yanet in Cabarete steuern wollten, sachte und mit Bedacht, wie es sich für Senioren ziemt. Überdies hatten sie zuvor bewusst rückwärts in ihre Parkbucht eingeparkt, wussten sie doch um das Verkehrsverhalten der Dominikaner im Allgemeinen Bescheid und im Besonderen an dieser Stelle der Hauptstraße, die von Samana über Sosua und Puerto Plata nach Santiago führt. Wer diese chaotische Gemengelage rund um die ca. sieben Parkplätze für Pkw, 5-10 geparkten Motoconchos und jede Menge Fußgänger kennt, der weiß, dass man froh sein kann, mit heiler Haut auf die Hauptstraße rauszukommen. Und sagen Sie mal ehrlich, kämen Sie je auf die Idee, Liechtensteinern unvorsichtiges Autofahren zu unterstellen?
Wohl eher das Gegenteil. Sie hatten sich also kaum an die Carretera 5 herangetastet, als das Unheil schon auf sie zugedonnert kam. Ein "abgaswolkenfreudiges" Motoconcho, eines von Millionen auf der Insel, mit einem jungen, allzu jungen Fahrer, wie sich später herausstellen sollte. Zehn Meter vor der Ausfahrt grüßte er auf die andere Straßenseite hinüber, wo ein Dutzend Motoconcho-Taxis der Kundschaft harrten. "Pass auf, Urs!" sagte Anna.
Urs sah es in Sekundenschnelle, aber wie sollte er in einer Zehntelsekunde den Rückwärtsgang einlegen?

Nach 25 Jahren musste es schließlich mal sein, das was ihnen schon hundertmal geschildert worden war: ein lebensfroher (kein Problem), lebensmüder (allerdings ein Problem) Dominikaner fährt einem ins stehende Auto, und so war es hier und jetzt. Er rammelt in den vorderen linken Kotflügel, reißt die Stoßstange halb ab und bleibt neben seinem Lieblingsspielzeug schmerzverzerrt liegen. Er jammert nicht, schließlich lebt man ja in einem Macholand.

Wieso ich den Kotflügel vorne links betone, welche Seite denn sonst, fragen Sie? 
Haben Sie eine Ahnung, aus welchen Himmelsrichtungen Motoconchistas „angeflogen“ kommen! Die lassen nichts aus, was sich öffentlicher Straßenraum nennt. Hier lernen Sie erst richtig Autofahren; falls Sie zu Hause stets nach dem Motto gefahren sind, auf die allermeisten Verkehrsteilnehmer sei Verlass, die anderen kennen die Regeln wie Du und ich, dann können Sie das in diesem Teil der Karibik getrost vergessen. Hier gibt es nichts, was es nicht gibt!

Und ich sage Ihnen noch was: wenn man sich jahrelang aufgeregt hat, legt sich das allmählich, zumindest dem Erzähler geht es inzwischen so, man „erfreut sich fast“ dieses Chaotenhaufens, na ja zumindest so lange, wie einem keiner rein donnert…aber eben dies war gerade passiert. Unsere Senioren sind sprachlos und schockiert.
Zwölf Monate zuvor der Einbruch in ihrem Haus, der erste ihres dominikanischen Lebens, und jetzt das! …

Rezension:
Dominikanische Innenansichten , von Patrick Schellong in TourismWatch

In zehn Geschichten entführt Christian Hugo den Leser in die Alltagswelt der Dominikanischen Republik. Seine "Gringostorys aus der Karibik" handeln von Aus-steigern aus aller Welt, die ihr altes Leben hinter sich gelassen haben und nun ihr zweites Lebensglück unter der karibischen Sonne suchen. Er wendet sich mit dem Buch an jene bereits heimisch gewordenen, die sich hier und da vielleicht selbst wiedererkennen, und an Interessierte, die die "wahre" Dominikanische Republik kennen lernen wollen. Mit viel Witz und in lockerem Stil schildert Hugo alltägliche Geschichten, wie sie sich im Grunde überall zutragen könnten, verortet jede einzelne jedoch charmant auf der Karibikinsel Hispaniola. Dies gelingt ihm als “altem Gringo” durch eine sehr vertraut wirkende Innenperspektive, aus der er den Leser persönlich anspricht.
Die Geschichten lassen die Grenzen zwischen wahren Begebenheiten und literarischen Erzählungen zum Teil verschwimmen und die Liebe in all ihren Formen ist stets ein großes Thema. Allerdings vergisst Hugo dabei nicht, auch auf die mitunter problematischen Verhältnisse in der Dominikanischen Republik hinzuweisen.
Er berichtet von miserablen Bildungschancen und grassierender Armut, die es den Menschen um ein Vielfaches schwerer machen, ihr Leben zu meistern. So lässt er auch immer wieder das bestehende Gefälle zwischen Einheimischen und Zugereisten erkennen, was Erstere sich gelegentlich zu Nutze machen, z.B. als "Schleusen-wärterin" bei Behördengängen oder als Konkubine.
Alles in allem gewinnt man durch die persönlichen Portraits der Gringos sowie einiger Dominikaner einen vielseitigen Einblick in das Leben und die Verhältnisse vor Ort.

Gringostorys aus der Karibik I. Leben in der Dominikanischen Republik. Von Christian Hugo. Books on Demand GmbH, Norderstedt 2011, 104 Seiten, ISBN 9783842375727

Autor Christian Hugo
Christian Hugo, Jahrgang 1948, gebürtig in Mannheim, ist Philologe und spricht fünf Sprachen. Er lebt zurzeit an der Nordküste der Dominikanischen Republik. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Er schreibt seit 1973. Er verbrachte sein Berufsleben an einem Gymnasium im Norden Baden-Württembergs. Langjähriger Stadtrat und Vereinsgründer.