"Von Jorge und Miss Dominicana" Rezension von Wolf Wiechert

Aus Wertheimer Zeitung/ Main Echo vom 22.11.2011

Von Jorge und Miss Dominicana


Neuerscheinung: Wertheimer Altstadtrat schreibt unter Pseudonym Christian Hugo »Gringostorys aus der Karibik«


WERTHEIM. »Gringostorys aus der Karibik I«

ist Christian Hugos zweites Buch.
Es enthält auf rund 100 Seiten keine
Gedichte wie der erste Band, »Gringolyrik
aus der Karibik I«, sondern Geschichten,
Storys eben, die vom Leben
der Residenten, der in die Dominikanische
Republik Ausgewanderten aller
möglichen Herkunftsländer, sowie der
Dominikaner selbst berichten.
Und um das gleich vorweg zu sagen,
mit den Worten des Autors selbst: Diese
Erzählungen sind »ohne hohen literarischen
Impetus. Wie das Leben sie
halt so schreibt.«
Immerhin: 65 Prozent sind wahr
Christian Hugo, der übrigens kein anderer
ist als der ehemalige Wertheimer
Lehrer und Stadtrat der Grünen
Jürgen Walter, benennt auch den
Zweck klar: »In jedem Fall möchte ich
Sie amüsieren. Und nur zu gerne wieder
motivieren, auf dass Sie sich eines
Tages auf Hispaniola ernsthaft einlassen,
als Rucksacktourist oder als Allinclusive-
Buchender, der nicht unbedingt
jeden Tag von morgens bis
abends am Strand liegen und schlemmen
muss.« Das sei auch denen »eben
aus der Ferne (oder sicherer Distanz)«
gesagt, die sich für die Verhältnisse in
diesem exotischen Land, »in diesem
Paradies«, wie Hugo schreibt, über das
bloße Amüsement hinaus, interessieren.
Zwar gehen wohl die meisten Geschichten
auf wahre Begebenheiten
zurück, aber alle »zusammen genommen
haben einen Wahrheitsgehalt von
65 Prozent.«
Nun, das ist ja nicht wenig.
So ist dem Verfasser dieser Zeilen
gleich ein gewisser Georg aufgefallen:
»Llámeme Jorge (Nennen Sie mich Georg)
«. So heißt es da in der Erzählung
»Miss Dominicana & El Chivo«. »Tief
versunken blätterte er sich durch ein
Buch und markierte immer wieder
Passagen …Er mochte um die 60 sein,
hatte graublondes, kurz geschnittenes
Haar, trug einen gepflegten Vollbart
und eine halbe Lesebrille.« Er kennt
sich offensichtlich beim Wein aus und
bereitet sich auf »sein Hauptseminar
über die Diktatoren Zentralamerikas«
vor.
Keine Frage, hier wird es sich um den
Autor der »Gringostorys« selbst handeln,
natürlich nur zu 65 Prozent.
Nähen für Arm und Reich
Dazu passt in einer anderen Story »die
deutsche ehemalige Realschullehrerin
«, die hobbymäßig für »Arm und
Reich« näht.
Insgesamt zehn Geschichten gibt es
über Liebe, über Bürokratie und Bestechlichkeit
in diesem Land, über Armut
und Kriminalität, über ein erstaunliches
Museum und dessen nicht
weniger erstaunlichen Eigentümer,
übers Einkaufen und Golfen.
Das alles wird locker, verständnisvoll,
humorig und somit gut zugänglich
für den Leser erzählt. Stellenweise allerdings
häuft sich das den Leser besonders
einbindende, augenzwinkernde,
schulterklopfende Heraustreten
des Autors aus der Geschichte mit
Sprüchen wie etwa »aber hallo« oder
»die Hoffnung stirbt zuletzt« wie auch
Sätzen wie diesen: »So, jetzt mögen
meine interessierten Leser über das
hinausgehend recherchieren …« oder
»Und sagen Sie mal ehrlich …«
Eine besonders schöne, farbige Geschichte
ist gleich die erste des Bändchens,
betitelt mit »Der fliehende Holländer
«, die, stringent erzählt, mit einer
echten Überraschung endet.
»Heißt Ajona« ist nicht weniger interessant,
möglicherweise besonders
typisch für die Lebensumstände in der
Dominikanischen Republik. Ein aus
Deutschland kommender pensionierter
Prof. Breitenbach, der Deutsch für
Anfänger erteilt, begegnet einer »Negrita
mittleren Alters« aus Haiti namens
Ariane, die gutes Französisch spricht
und wie er später erfährt, Grundschullehrerin
ist, »verheiratet mit einem
Kollegen«, und zwei Kinder hat.
Er freundet sich mit ihr an, fährt mit
ihr in ihre haitianische Heimat, ist dabei,
ihre Herkunft aus Togo zu recherchieren,
als sie sich plötzlich zu einem
»Widerling mit fettigem Haarschopf
« setzt. Es dauert nicht lange, bis
die Beiden aufstehen und mit einem
Hummer davonfahren, obwohl Ariane
diesen Mann erst vor fünf Minuten
kennengelernt hat.
Das ist zu viel für den deutschen Pädagogen.
Aber der Leser beginnt zu
verstehen, was hier so abläuft und warum.
Leserfreundlich und unterhaltsam
So veranschaulicht Christian Hugo das
Leben in seiner Wahlheimat, übrigens
auch mit Fotos, die zwischen die Texte
gestreut sind. Alles in allem hat er ein
abwechslungsreiches, leserfreundliches,
unterhaltsames Buch geschrieben,
das auch als E-Book für 7,49 Euro
zu erwerben ist.


Wolf Wiechert


Christian Hugo: Gringostorys aus der
Karibik I – Leben in der Dominikanischen
Republik, Books on Demand Norderstedt,
2011, ISBN 9783842375727, 8,90 Euro.


Foto: Karibische Gringostorys kann man vor Ort an jeder Straßenecke beobachten. Foto: Privat