Gringolyrik vom Leben ohne kaltes Siffwetter

WERTHEIM. Der ehemalige Wertheimer Stadtrat Christian Hugo, der heute in der Dominikanischen Republik lebt, hat sein erstes Buch veröffentlicht. Es handelt sich dabei um eine Art Reiseführer durch eben das exotische Land, in dem er und seine Frau sich vor ein paar Jahren niedergelassen haben.

Aber der Reisende wird auf ungewöhnliche Weise mit dem Land bekannt gemacht, nämlich in Form meist mehrsprachiger Gedichte, die zunächst auf Spanisch als sogenannte »Urgedichte« präsentiert und erst danach ins Deutsche übertragen, »lyrifiziert« werden, die als »Kondensate der Wirklichkeit« zu begreifen seien, neben in Prosa gehaltenen skizzenhaften Bestandsaufnahmen sowie Farbfotos mit landestypischen Szenarien.

Unendlich viel zu entdecken

Gleich auf den ersten Seiten kommt ein Foto ins Blickfeld, das das Haus des Kolumbus, die »Casa Almirante« , zeigt, den Ort dokumentierend, an dem Christoph Kolumbus am 8. Dezember 1492 die Insel betrat. Aber touristisch ist dort so gut wie nichts erschlossen. Und das sei bezeichnend eigentlich für die gesamte Insel, auf der es unendlich viel zu entdecken gäbe. Und dies gelte auch für die Bewohner, das dominikanische Volk, dem Hugo ein Gedicht gewidmet hat:

Sagenhaft / gutgelaunt / sogar im Elend / angeboren / unvorstellbar / Lachen muss sein / ausländische Mitbürger / schämen wir uns / für unseren Geiz / an Freundlichkeit.

Und natürlich interessiert den ehemaligen Stadtrat das Politische in diesem Land. Es gab im Mai 2010 Wahlen, bei denen freilich »Bleistifte, Kulis, lebende Hühner, Dollarscheine und vor allem Rum« eine große Rolle spielten.

»Unterlegene Bürgermeister stehen im Verdacht, das Rathaus nach der Wahl nicht nur zu räumen, sondern auch gleich das Inventar und die Stadtkasse mitzunehmen.«

Die Stromversorgung wurde gekappt, als arme Familien die monatliche Mindestgebühr von sechs Euro, egal, wie hoch der Verbrauch ist, nicht mehr zahlten.

Chicas und Sugar Daddies

Hauptverkehrsmittel ist das Motoconcho, eine Art Mofa, das millionenfach die Straßen unsicher macht. »Ein Dominikaner mit Motoconcho ist ein zufriedener Mann ...«

Ampel rot - Unfall droht? »Nicht für uns, meinen die Dominikaner.«

Wichtig für Gringos, also wohlhabende Weiße, sind die »Chicas«, »dominikanische Frauen jeden Alters, Brust- und Bauchumfangs«, die »die Ausschau halten nach Gringos höheren Alters und oftmals größeren Bauchumfangs, dafür aber prallen Portemonnaies.« Nach zwei Kindern von oft verschiedenen Vätern sehen sich diese Frauen oftmals dann nach »Sugar Daddies« um, die ihren Lebensunterhalt aufbessern. Christian Hugo hat das in seinem Gedicht Warten auf den Begriff gebracht.

Ich gehe jetzt / wir sehen uns / später / jedoch / er geht auf die Bank / ohne Geld / kommt er nicht / sie sagt / sie brauche es / sie beschenke ihn / am Freita/g.

Dazu das Foto eines farbenfreudigen Wandbilds mit der erläuternden Unterzeile: »Wie viele Mulattinnen stemmt gringo?«

Nach dem Erdbeben in Haiti am 12. Januar 2010 sind noch mehr Haitianer in die Dominikanische Republik ausgewichen. Ihre Muttersprache ist das haitianische Kreolisch, dessen »fremdartiger, näselnder Gesang« den Romanisten Christian Hugo natürlich fasziniert und dazu veranlasst hat, sein Gedicht Auf Kreolisch gleich in vier Sprachen zu formulieren, in Kreolisch, Französisch, Englisch und Deutsch:

Am Strand / das Meer, der Sand / und Wellen / sagt mir / Murlande / Jean Baptiste / das Kreolische / verschweigt das »R« / oft - / Guten Tag / schöne Frau / danke.

Zwischen den Welten

Bleibt ein Resümee, das »der Autor zwischen den Welten« auf den letzten Seiten seines Buches selbst zieht, unter anderem . in seinem Gedicht Ohne Jahreszeiten:

Es gibt Senioren / die Wärme wünschen / keine tiefgefrorenen / Knospen / die das Gefühl / für Jahreszeiten / verlieren (verwerfen) / die verlangen / dass man jeden Tag / der einem bleibt / blühende Sträucher / genießt / Früchte reifen sieht / das ganze Jahr - / allmächtiges Efeu / in Europa / demnächst!

Und auf den Einwand, »Mensch, ihr werdet die Jahreszeiten vermissen. Also ich könnte das nicht«, entgegnet Christian Hugo  wie sicherlich auch seine Frau: »Auf sieben Monate Siffwetter können wir gerne verzichten!«
Freilich, der Hiergebliebene fragt sich, ob denn nicht die Dialektik von Sommer und Winter, von warm und kalt, von düster und hell, von neblig und sonnig, von Arbeit und Urlaub, von Moderne und Historie, von Macht und Geist erst das wahre Leben ausmacht.
Wolf Wiechert

Christian Hugo: Gringolyrik aus der Karibik I, Leben in der Dominikanischen Republik, 2010 Books on Demand, 100 Seiten, ISBN: 9783842342279, Euro 8,90