Junot Diaz

Dieses wunderbare Kuddelmuddel Junot Díaz' furioser Romanmix aus Trashkultur und magischem Realismus

Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao

Rrrrrummms. Es ist kein normaler Roman, der hier mit der Tür ins Haus fällt: Es ist eine Welt. Es sind zwei Welten. Vier Welten. Es ist…blipp, fiddel,…eine Kakofonie merkwürdiger, unvertrauter Geräusche. Nigger, die ihren Girls mit der flachen Hand auf den Hintern klatschen (und nicht nur auf den Hintern). Diktatoren, die ihre einfallsreichen Todesschwadronen ausschicken. Raumschiffe, die durchs All trudeln. Comicfiguren, die mit Laserschwertern aufeinander eindreschen. Dominikanischer Zauber in New Jersey. Eifersuchtsdramen in der Vorstadt. Fantasy im Ausländerghetto. Und aus dem ganzen Kuddelmuddel lässt sich die Stimme des fantastischen Erzählers Junot Díaz vernehmen, wie sie, ohne zu wackeln, die entscheidende Frage stellt: Hey, Leute, habt ihr auch gut aufgepasst, wie unser kleiner Oscar Wao seine Hoffnung an die Wand fährt?

Oscar: Er ist schwarz, Dominikaner, und er ist fett. Die Mädchen, in die er sich regelmäßig verliebt, lachen ihn aus. Er liest Science-Fiction-Romane und den Herrn der Ringe, kennt alle Star Trek- Episoden auswendig und heult noch beim tausendsten Mal, wenn er sich Akira, den japanischen Anime-Klassiker, reinzieht. Oscar ist ein Nerd: einer der modernen Sonderlinge, die als menschliche Abfallprodukte der elektronischen Revolution dazu verdammt sind, permanent in den Bildschirm zu starren und ungeheures, unnützes Fachwissen anzuhäufen, in Oscars Fall die Feinheiten elbischer Sprachen und jeder Art von computergesteuerten Rollenspielen.

Sein Leben lang sucht Oscar nach Liebe, und dass diese Suche nicht gut ausgeht, steht schon im Titel dieses Buches. Aber Das kurze und wundersame Leben des Oscar Wao ist weder ein kurzes Buch, noch kurz gegriffen: Es ist eine Saga, ein monumentaler Familienroman, ein Immigrantenepos, eine von tausend fremden Kulturen aufgeladene, literarische Soap, eine karibische Liebesgeschichte, ein eklektizistisches Wunder: die Story eines Jungen und seiner Schwester, deren Eltern und deren Eltern, eine Geschichte der Dominikanischen Republik und des mörderischen Diktators Rafael Leónidas Trujillo Molina, eine Geschichte von Flüchen, Aberglauben, der Gier nach Sex, eine Geschichte der Landflucht, der neuen und der alten Heimat, des Rassismus, der Demütigung durch Gedemütigte, der Sehnsucht nach Nähe, der Sehnsucht, dass man irgendwann einmal in den Nacken eines Menschen atmen darf, den man liebt: vielleicht nicht mehr in diesem Leben, nicht mehr in diesem.

Die Geschichte beginnt mehr als fünfzig Jahre früher im Haus von Oscars Großeltern, eines Arztes und einer Krankenschwester, in der Dominikanischen Republik. Hitzedämmrige, karibische Idylle, würde nicht der launische, sexsüchtige Diktator Trujillo seine Finger nach der Familie ausstrecken. Plötzlich frisst der Großvater im Gefängnis Scheiße, und nur seine jüngste Tochter, die Oscars Mutter sein wird, überlebt bei Pflegeeltern, die diesen Namen nicht verdienen. Magische Bestimmung will es, dass das Mädchen Belicia von der Kusine ihres Vaters gefunden und aufgezogen wird, dass sie zur Prinzessin ihres Quartiers heranwächst, die Liebesgeschichte mit einem Trujillo-Gangster überlebt und nach New Jersey auswandert, damit es ihre Kinder Oscar und Lola besser haben. Hier kann sich Oscar seine 140 Kilo anfressen, den Fernseher anwerfen und Elbisch lernen, von hier kann er zurück nach Santo Domingo reisen, der endgültigen, wundersamen Bestimmung seines kurzen Lebens entgegen.

Es ist nicht die Handlung, die diesen Roman groß und außergewöhnlich macht. Es sind die Figuren. 1) Beli: die dunkelschwarze Frau, die aus Trotz und Willen und Kurven besteht. 2) La Inca: das gute karibische Gewissen. Eine Frau, die nicht weicht, weder den Zwängen der Diktatur noch denen des Herzens, auch nicht denen des eigenen. 3) Lola: Sie hat genug von ihrer Mutter geerbt, um sich im dauerhaften Krieg mit ihr zu befinden.

Junot Díaz, der bisher mit Erzählungen (Abgetaucht) hervorgetreten war, beginnt seinen Roman in der Gegenwart und addiert mit jeder Rückblende neue Deutungs- und Bedeutungsflächen. Er errichtet ein zufällig wirkendes, aber höchst durchdachtes Handlungsgebäude, dessen einzelne Räume und Zonen mit jedem neuen Kapitel besser, genauer und detaillierter ausgeleuchtet werden. Geschichten überlagern sich, ergänzen sich, vermengen sich zu dem, was den Namen Epos wirklich verdient, und er, der Erzähler, findet darin auch eine Rolle für sich selbst, in der er von seinem Verhältnis zu Lola berichten kann und wie sie ihm die Hölle heiß machte, wenn er die Finger nicht von den negritas, den schwarzen Mädels, lassen konnte.

Die Sätze sind von hohem spezifischem Gewicht: Díaz formuliert gern und virtuos, Lakonie ist nicht seine Sache. Ellenlange Fußnoten wie bei David Foster Wallace erteilen Geschichtsstunden in karibischer Geschichte. Mythen jeder Ordnung feiern Tradition, Revolution und einäugige Monster von fremden Sternen. Die in die Erzählung eingebackenen spanischen Worte und Brocken laden die Erzählung mit authentischer Immigrantensprache auf, vulgär, witzig, direkt, nicht wahr, Nigger?

Die trashkulturelle Immigrantensprache ist Díaz’ Spezialität. Er selbst, Jahrgang 1968, ist ein nach New Jersey ausgewanderter Dominikaner, Science-Fiction-Nerd und hat bestimmt nicht zu wenige Stunden vor der Glotze gesessen, er weiß, wie seine Figuren reden, was seine Figuren bewegt, worauf sie scharf sind, wovor sie sich fürchten.

Hier ist magischer Realismus des dritten Jahrtausends, Gabriel García Márquez auf Speed. Dafür bekam Junot Díaz 2008 den Pulitzerpreis.

(Aus "Die Zeit")