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Gringostorys aus der Karibik

Christian Hugo (63), deut­scher Auswan­der­er und Buchau­tor, hat ein neu­es lite­rari­sches Werk über das Alltagsle­ben von Resi­den­ten in der Dom­Rep heraus­ge­ge­ben. In zehn amüsan­ten Erzählun­gen skizziert er Allzumenschliches zwi­schen den "Grin­gos" und ih­ren Gast­ge­bern - mal humorvoll, mal ironisch, aber im­mer wohlwol­lend - so wie sie das Leben schreibt: Auf der Suche nach der wah­ren Lie­be, den Umgang mit Behör­den o­der den Domi­ni­ka­nern selbst. Ein Buch, das al­le, die Land und Leu­te zu ken­nen glau­ben, und jene, die es noch ken­nenler­nen möch­ten, be­rei­chern wird...
(Books on Demand / 104 Seiten / 8,90 Euro)
 
Erzählung 6:
 

"Miss Dominicana & El Chivo"

 
In die­sem Jahr fei­ert die Domi­ni­ka­ni­sche Re­pu­blik den Tag, an dem der Tyrann Trujillo ei­nem Atten­tat zum Opfer fiel, zum 50. Mal. Die­sem erfreulichen Anlass ist die Geschich­te haupt­säch­lich gewidmet. Aber gedacht ist auch der ca. 5 Mil­lio­nen Exildo­mi­ni­ka­ner und -do­mi­ni­ka­ne­rin­nen, die ei­nen erklecklichen Anteil daran ha­ben, dass ihre Fa­mi­lien in der Heimat sich über Was­ser hal­ten kön­nen, in­dem sie die­se fi­nan­ziell un­ter­stützen. Ein an­der­es The­ma ist das Phäno­men, dass diejeni­gen Landsleu­te, wel­che ihre Erzie­hung im Aus­land ge­nos­sen ha­ben, mit gro­ßer Wahr­scheinlich­keit mehr von „­der Welt“ wis­sen und dies auch ih­ren Ver­wand­ten und Freun­den in der Dom­Rep vermit­teln kön­nen. Auf die­se Art und Wei­se ent­steht ein re­ger Austausch von Infor­ma­tio­nen, die sonst kaum Eingang in das Bewusstsein der Domi­ni­ka­ner fin­den wür­den. Die Geschich­te zeigt aber auch, dass es leich­ter ist � und auch er­folgrei­cher- für ei­ne (weltläu­fige) Exildo­mi­ni­ka­ne­rin, mit ei­nem ge­bilde­ten Grin­go Kontakt aufzu­bau­en, als ihre ei­ge­ne Fa­mi­lie in der Heimat von den Notwen­dig­kei­ten, die das Leben so mit sich bringt, zu über­zeu­gen. Schließ­lich könn­ten zu die­sem The­ma noch ei­ne Handvoll Hin­tergrundsin­for­ma­tio­nen von Inter­es­se sein: 1. Ver­säu­men Sie nicht den aktuel­len Roman von Junot Díaz „Das kurze wun­dersame Leben des Oscar Wao“ zu le­sen. Hier geht es um das Spannungsver­hältnis des Lebens ei­ner exildo­mi­ni­ka­ni­schen Fa­mi­lie in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und dem Erle­ben der Heimat Jahr­zehnte spä­ter. 2. Falls noch nicht ge­schehen, sind die zwei Stan­dardro­mane zur Trujillozeit wich­tig: "Das Fest des Ziegenbocks" von Mario Vargas Llosa und "Die Zeit der Schmet­ter­lin­ge" von Julia Alvarez, die sich mit der Ermordung der drei Mira­bal Töch­ter aus Salcedo beschäf­tigt, die sich der do­mi­ni­ka­ni­schen Widerstandsbewegung an­ge­schlos­sen hat­ten. Das Haus der Fa­mi­lie ist heu­te Museum; die Töch­ter sind Natio­nalheldin­nen. Auf ein an­der­es Museum möchte ich noch hinwei­sen, das die­ses Jahr in San­to Do­min­go ein­ge­weiht wur­de: Das "Museo Memorial de la Resis­tencia Domi­ni­ca­na". Lei­der ste­hen nicht al­le Domi­ni­ka­ner hin­ter die­ser Ein­richtung. Man muss daher befürch­ten, dass sich "Trujillo-Nostalgiker" vor den Kar­ren ei­nes Trujillo-Enkels span­nen las­sen, der in der Heimatstadt Trujillos aus des­sen Anwe­sen ei­ne Gedenkstät­te er­rich­ten möchte. Welch ei­ne Katastrop­he!!!
 
Ein Auszug:
 
... Das müs­se ge­büh­rend gefei­ert wer­den, sagte sich die New Yorker Exildo­mi­ni­ka­ne­rin Geordina Ramirez, als sie bei CNN ei­nen Bericht zum bevorste­hen­den 50. Jah­res­tag des Atten­tats auf El Chivo ("geiler" Ziegenbock) sah. Auch ge­nannt El Jefe, Rafael Leonides Trujillo Moli­na, wur­de am 30. Mai 1961 von sie­ben muti­gen Widerstandskämpfern liquidiert. Ein­er der wider­lichs­ten Dikta­to­ren ih­res Heimatlan­des und des 20. Jahrhun­derts hat­te mehr als dreißig Jah­re Schan­de über ihre gelieb­te Insel Hispa­niola gebracht, die sie in den neunzi­ger Jah­ren ver­ließ, um in der Modebranche als Designe­rin gu­tes Geld in ­den Staa­ten zu ver­die­nen, nach­dem sie als Zwan­zigjäh­ri­ge zur Miss Domi­ni­ca­na ge­kürt wor­den war ... Heu­te, drei Tage vor dem Jah­res­tag, woll­te sie nur ei­nes: schnell ei­ne Suite in ihrem Lieblingsho­tel in der Bucht von Sama­na buchen und den nächs­ten Flug ­nach San­to Do­min­go checken. Mor­gen abend, 28. Mai, so kalku­lier­te sie, konn­te sie am Strand von Cayo Levan­tado lie­gen, dank ei­nes Anschlussflugs mit Air San­to Do­min­go nach Sama­na. ... Bei Kilome­ter neun hält der Taxifah­rer an. Geordina loggt sich kurz aus ih­rer Zeitrei­se aus, steigt aus und geht ums Denkmal herum. Wie­der ein­geloggt sieht sie nun den Fah­rer des Poten­ta­ten, Zacharías de la Cruz, das von 52 Kugeln durchsieb­te Fahr­zeug anhal­ten und sich schwer ver­letzt in Sicher­heit brin­gen. Ein letztes Mal hört er sei­nen Chef - von mehre­ren Geschos­sen getrof­fen - fluchen: »Coño, me han herido« - »Scheiße, sie ha­ben mich ver­letzt.« Ei­ner der Attentä­ter, Antonio de la Maza, gibt Trujillo den Gna­denschuss, der Leichnam wird in den Kof­ferraum des Fluchtfahr­zeu­ges ge­schleppt. Der Alptraum hat ein Ende ... Sie bevorzugte das rote Kleid von..., das Haar zum lan­gen Zopf gekno­tet, und sie trug mit­telho­he Absät­ze. Als sich die strahlen­de Schön­heit dem Tisch Jor­ges näher­te, stand die­ser schon, er­wartungsvoll lächelnd, das langärmeli­ge Hemd le­ger über der eben­falls schwarzen Hose tra­gend. ...
 
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