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Gringostorys aus der Karibik

Christian Hugo (63), deut­scher Auswan­de­rer und Buchau­tor, hat ein neu­es literari­sches Werk über das Alltagsle­ben von Residen­ten in der Dom­Rep her­aus­ge­ge­ben. In zehn amüsan­ten Erzählun­gen skizziert er Allzumenschliches zwi­schen den "Grin­gos" und ih­ren Gast­ge­bern - mal humorvoll, mal ironisch, aber im­mer wohlwol­lend - so wie sie das Leben schreibt: Auf der Suche nach der wah­ren Lie­be, den Umgang mit Behör­den o­der den Domi­ni­kanern selbst. Ein Buch, das al­le, die Land und Leu­te zu ken­nen glau­ben, und jene, die es noch ken­nenler­nen möch­ten, be­rei­chern wird...
(Books on Demand / 104 Seiten / 8,90 Euro)
 
Erzählung 3:
 

"Heißt Ajona"

 
Ein deut­scher Gelehr­ter, nicht nur eme­ritiert, son­dern auch emigriert, lebt seit ein paar Jah­ren in Puer­to Pla­ta. Er macht sich nütz­lich, in­dem er an ei­ner deut­schen Schule Fremdsprachen, vor al­lem Deutsch, un­ter­rich­tet, nicht ganz unei­gennützig, denn bei der Sprachvermitt­lung kann er "Spa­nisch trainie­ren", ei­ne Sprache, de­rer er vor sei­ner Auswan­de­rung nicht mäch­tig war. Er sin­niert wie­der einmal über sei­nen Frust als Pädagoge, als ihm ei­ne rassige Haitiane­rin be­gegnet. Domi­ni­ka­ni­sche und haitiani­sche Frau­en und Män­ner, die mit ih­ren Verlob­ten o­der Ehepartnern in Deutsch­land le­ben möch­ten, müs­sen sich ei­nem Sprachtest un­ter­zie­hen. Die Vorbe­rei­tung auf das sogenann­te Zer­tifikat kann durchaus ein halbes Jahr dau­ern, je nach Vorbildung. Hier ha­ben in der Dom­Rep ansässige HaitianerIn­nen oft ei­nen Vor­teil, da sie au­ßer Kreolisch und Spa­nisch meist auch Französisch sprech­en. Die Prü­fung in der Deut­schen Bot­schaft in San­to Do­min­go umfasst die Berei­che Sprechen, Lesen, Hö­ren und Schrei­ben. Die Ansprüche an die Prüflin­ge sind nicht ge­ring. Wer Lese- und Schreibschwächen hat, kann kaum bes­te­hen. In der Dom­Rep le­ben ca. zwei Mil­lio­nen Haitia­ner. Seit dem fürchter­lichen Erdbeben am 12. Januar 2010 mutmaßt man, es sei­en noch­mals ei­ne Mil­lion dazu gekom­men. Ihr Beliebtheitsgrad un­ter Domi­ni­kanern geht Richtung Null, au­ßer bei Bauun­ter­neh­mern, Bau­ern und bei pri­va­ten Betrei­bern der Müllabfuhr. Sie erra­ten warum? Die halbe Welt fragt sich, wie das Leben im haitiani­schen Teil von Hispa­niola wei­ter­ge­hen soll. Hun­derttau­sen­de von To­ten, mi­se­rabel or­ga­ni­sier­te in­ter­na­tio­na­le Hilfe, Korrup­tion bis in höchste Regie­rungskrei­se, so hört man. Die­ses Haiti, eh schon von öko­logi­schen Katastrophen heimge­sucht, soll aus ei­ge­ner Kraft ein Staatswesen aufbau­en, das aus sich her­aus Bestand hat? Beobach­ter der Szene berich­ten von demor­ali­sier­ten Haitianern in Port-au-Prince, "von trä­gen Mas­sen, die partout Schutt und Müll nicht wegräu­men las­sen wol­len, es sei denn Grin­go be­zahle ihr Haus (=Schutt)". Da­bei ist es nur ei­ne Fra­ge der Zeit bis zur nächs­ten Katastrophe. Dage­gen ist es fast wohltuend zu hö­ren, dass es ansons­ten im Land zwar beschei­den zu­geht, aber dort ein Leben aus ei­ge­ner Kraft mög­lich ist. Vie­le jun­ge Haitianerin­nen, die ih­ren Fa­mi­lien in Port-au-Prince hel­fen möch­ten, pro­stituie­ren sich in ­der Dom­Rep.
 
Ein Auszug:
 
Nach dem Unter­richt pflegte Prof. Dr. Brei­ten­bacher meist die Cal­le José Ramon Lopez zum Malecon run­ter zu ge­hen, nicht ohne sich vor­her im Parque Luperon ein Sandwich bei Juanito zu ho­len. Er ging ver­son­nen ein Stück längs des Malecon; da­bei versuchte er, aus Grün­den der Gleichbehandlung, möglichst nicht den Kiosk des Vorta­ges aufzusu­chen. ... Fünf Jahre zu­rück wäre er gern hier entlang gejoggt, um zu ver­ges­sen, was ihm die Schönhei­ten heu­te wie­der al­les an­getan hat­ten bzw sei­ner Mut­tersprache. Mit siebzig be­vor­zugte er ei­nen Rum Barceló Anejo on the Rocks. Da funk­tionier­te das Verdrän­gen viel bes­ser; Zug um Zug legte er sei­ne di­dakti­schen Mis­ser­fol­ge im Kleinhirn o­der sonstwo ab. ... Hoppla. Da setzt sich doch soeben ei­ne Negri­ta mittle­ren Alters zu ihm. Die Art ih­res Blicks ist ihm nicht unbe­kannt. So schau­en Domi­ni­kanerin­nen Grin­gos an, wenn sie sich etwas von ih­nen er­war­ten, was auch im­mer. Er pflegte sich dann freund­lich mit ih­nen zu un­ter­hal­ten und ihr ei­nen Drink zu spen­die­ren. Das war er den Gast­ge­berin­nen sei­ner Wahlheimat schul­dig. ... Die Dame stellte sich als Ariane vor und fragte ihn nach sei­nem Na­men. Dann war sie dran. Für die­sen Fall hat­te er sich ein Reper­toire an Fra­gen aus­gedacht. So hoffte er sein Spa­nisch rundzuer­neu­ern. Aber diesmal versuchte er es gleich mit sei­nem Schulfranzösisch. Sie hat­te die­ses haitiani­sche Feu­er in den Au­gen, die Haut holzkoh­lenschwarz mit sei­denem Glanz, ohne wulsti­ge Lip­pen. Sie war kei­ne do­mi­ni­ka­ni­sche Negri­ta. Punkt. Und Treffer! Ariane verstand ihn nicht nur, son­dern vermit­telte Hilbert, der ein Studium Gene­rale hin­ter sich gebracht hat­te, den Eindruck, dass sie die französi­sche Sprache auch ge­lernt zu ha­ben schien. ... Das versprach ja ein in­ter­es­san­tes Gespräch zu wer­den, sagte er sich, bes­tellte für Ariane ei­nen jugo de naranja (O-Saft) und für sich, zur Fei­er des Tages, el tercero trago de ron con hielo (das 3. Glas Rum on the rocks), was er sonst nie tat.
 
Lesen Sie nächste Woche: "Frisches Residentenblut"