B U C H V O R S T E L L U N G

 

Gringostorys aus der Karibik

Chris­tian Hugo (63), deut­scher Auswan­de­rer und Buchau­tor, hat ein neu­es li­te­ra­ri­sches Werk über das All­tagsle­ben von Re­si­den­ten in der Dom­Rep her­aus­ge­ge­ben. In zehn amüsan­ten Erzählun­gen skizziert er All­zu­menschli­ches zwi­schen den "Grin­gos" und ih­ren Gast­ge­bern - mal hu­mor­voll, mal iro­nisch, aber im­mer wohl­wol­lend - so wie sie das Le­ben schreibt: Auf der Su­che nach der wah­ren Lie­be, den Um­gang mit Be­hör­den oder den Do­mi­ni­ka­nern selb­st. Ein Buch, das al­le, die Land und Leu­te zu ken­nen glau­ben, und je­ne, die es noch ken­nen­ler­nen möch­ten, be­rei­chern wird...
(Books on Demand / 104 Seiten / 8,90 Euro)
 
Erzählung 10:
 

"Andys Androide"

 
In der (vo­rerst) letz­ten mei­ner Ge­schich­ten geht es um Ehr­lich­keit. Ein auf His­pa­nio­la heiß dis­ku­tier­ter Mo­ral­be­griff. Wer be­sch�ei­nen mehr: die Do­mi­ni­ka­ner oder eher die Grin­gos? Ei­nes wird beim Gespräch schnell klar: je­der hat so­wohl für die ei­ne als auch die an­de­re Sei­te schnell ei­ne Lis­te an Schuldi­gen pa­rat. Wo­bei man es den Do­mi­ni­ka­nern bei ih­ren meist Mi­ni­malstver­diens­ten wohl am Ehes­ten ver­zeiht, wenn sie mal "hinlan­gen". Ha­derlum­pen un­ter den Grin­gos, die ei­nen im Nor­mal­fall um ei­ni­ges mehr be­trü­gen oder reinle­gen, scheint man wei­taus we­ni­ger zu ver­ge­ben ge­neigt zu sein. Obwohl je­der Re­si­dent wis­sen müsste, dass sich un­ter den Auswan­de­rern Ha­sar­deu­re jeg­li­cher Cou­leur auf­hal­ten. Nicht un­be­dingt die mit schma­lem Geld­beu­tel, son­dern meist dieje­ni­gen, die es schon in der Hei­mat zu nichts gebracht ha­ben, aber hier, aus wel­chen Grün­den auch im­mer, den gro­ßen Ma­xen spiel­en wol­len. Ein an­de­res The­ma der Erzählung ist das Han­dy: je­der hat es oder zu­min­dest hat es den Anschein! Wer glaubt, das könnten sich nicht al­le Do­mi­ni­ka­ner leis­ten, der täuscht sich ge­wal­tig. Es ge­hört zu uns­ren Gast­ge­bern wie das Trink­was­ser zum täg­li­chen Brot. Und man kann gar be­ob­ach­ten, wie do­mi­ni­ka­ni­sche Müt­ter das Teil an ih­re Pla­gen wei­ter­rei­chen, qua­si als Ga­me­boy oder als Nu­ckelstick, nur da­mit die Klei­nen Ru­he ge­ben. Ein wich­ti­ger Stel­len­wert in der Erzie­hung also. Dass die Han­dys dann öfters er­neu­ert wer­den müs­sen, ver­steht sich von selb­st. Übri­gens ein Ding aus dem Tollhaus: wer sein Pre­paid Han­dy lädt, kriegt 22% Steu­ern ab­ge­zo­gen. Unglaub­lich, dass die Do­mi­ni­ka­ner sich das ge­fal­len las­sen. Schließlich ge­hört, wie wir wis­sen, das Han­dy zu den steu­er­frei­en "Grund­nah­rungs­mit­teln" der Repub­lik! Oder?
 
Ein Auszug:
 
Noch drei Ta­ge bis zum Ge­burts­tag sei­ner ge­lieb­ten Ehe­hälf­te. Das hieß für Andy konkret: noch 20 Stun­den Zeit zum Bas­teln, ab die­sem Mor­gen. Dann muss­te die Hollywoodschaukel zwi­schen den bei­den Ko­kospalmen vor der Ver­an­da mit Meerblick hän­gen. Das war Lottis Wunsch seit drei Jah­ren. Und jetzt hat­te sie ei­nen run­den Ge­burts­tag, der 65ste. Also muss­te die Sa­che jetzt lau­fen. Sie hat­ten vor 40 Jah­ren in Bad Gas­tein ge­hei­ra­tet, ih­rem Hei­ma­tort; als ih­nen vor zehn Jah­ren ein Rus­se, ei­ner der aber­tau­sen­den der für uns deut­sche Nor­mal­ver­brau­cher un­erklärli­chen nou­veaux-ri­ches Klas­se, das An­ge­bot ih­res Le­bens für ihr Haus mach­te, kündigten sie so­fort. 700.000 � blät­ter­te der jun­ge Mann aus Kirgi­sis­tan für die Bruch­bu­de hin, nur weil er von dort zu Fuß ins Ca­si­no ge­hen konnte. Glück muss man ha­ben: zur rich­ti­gen Zeit ei­ne Immo­bi­lie am rich­ti­gen Ort! Hinzu kam, dass Lotti vom Arzt viel Wär­me ver­schrie­ben be­kom­men hat­te. Sonst wür­de sie das Rheuma im­mer schlim­mer pei­ni­gen. Sie hat­te be­reits ein Vermö­gen in den heißen Quel­len Gas­teins ge­las­sen. Trotzdem hat­te sie nur zeitwei­se Erleich­te­rung verspürt. Wie­so sind sie a­ber ge­ra­de in die Do­mi­ni­ka­ni­sche Repub­lik? Das ist schnell erzählt. Vor ih­nen wa­ren schon Freun­de dorthin aus­ge­wan­dert. Wer schon ein­mal in Pla­ya Cofresì Urlaub ge­macht hat, der hat be­stimmt auch Öster­rei­cher dort ge­trof­fen. Ei­ne re­gel­rech­te Ko­lo­nie gibt es da; inwie­weit Lie­der­ma­cher Fal­co, Idol der Alpenländ­ler, der dort sei­ne Vil­la hat­te, et­was mit dem Boom zu tun hat, entzieht sich mei­ner Kennt­nis. Alles was Lotti in­te­res­sier­te, wa­ren die Tempe­ra­tu­ren des Poolwas­sers übers Jahr hin. 25 bis 30 Grad Celsius, das war die aus­schlagge­ben­de In­fo. Ihrem Andy war nur wich­tig, dass er dort Pfer­de hal­ten durf­te, was bei den Freun­den in Cofresì lei­der nicht er­laubt war. Also kauften sie ei­ne Finca auf der Hö­he von La Mu­la­ta, hin­ter dem Thai-Res­tau­rant. Und dort fehl­te es ih­nen an nichts, bis auf die be­sagte Hollywoodschaukel ...